04.04.2021
PersönlichesFotografie

Trauerfotografie - okay oder nicht?
Dürfen wir auf einer Beisetzung Bilder machen?

Das kleine Häuschen mit der Aufschrift WALDFRIEDHOF habe ich gar nicht wahrgenommen. Das Tor stand offen und ich ... schnurstracks durch. 

Zu tief war ich versunken in meinen Gedanken, ob DAS jetzt okay ist. Ob es okay ist, eine Kamera auf einer Beisetzung in die Waagerechte zu bringen, um Urne, Gestecke und leise Momente festzuhalten.

Diese Themen findest Du in diesem Blogartikel

Ist das WIRKLICH okay, auf einer Beisetzung zu fotografieren? 

Ursprünglich ging es ja "nur" um die Urne.

Als alles noch frisch und unbegreiflich erschien, hatte ich dem Witwer angeboten, die Urne seiner Antje zu fotografieren, damit er die Möglichkeit hat, die Bilder für seine Trauerbewältigung zu nutzen. Ich dachte, ich könnte sie kurz fotografieren, bevor die Trauergesellschaft (draußen, unter Corona-Bedingungen) sich versammelte. 

Aber warum jetzt Trauerfotografie? Das ist ja nicht mein fotografisches Thema. Wie bin ich überhaupt auf die Idee gekommen?

Die Antwort ist simpel. Weil ich aus Erfahrung sagen kann - mir selbst fehlen diese Bilder sehr.

Ich hätte so gerne ein Bild von dem "Urnenarrangement", der letzten irdischen Station des Lebens meiner Mutter gehabt. Denn es sah alles so schön aus im September 2020 in diesem Bibelgarten: die Blumen so bunt wie meine Mutter im Leben war. So fröhlich und positiv in pink, weiß und lila. Ich wusste, dass sie begeistert gerufen hätte "HACH, Kinder ... TOLL!"

Aber ich habe keins. Ich wollte meine Kamera nicht mitnehmen. Es war alles so frisch und un-wirk-lich. Und als direkte Angehörige schien es mir auch völlig daneben. Es war NICHT okay für mich. Außerdem machte ja der Bestatter Fotos. Das war bei unserem Vater auch so. Leider hatte er es dieses mal nicht geschafft. Corona fordert vermutlich auch von den Bestattern viel mehr ab. 

Als alles "vorbei war", wurde ich total unruhig. Ich hab mir meine Kamera geschnappt und bin später noch einmal zum Friedhof gefahren. Nur um eins zu machen - Bilder. Von den schönen Blumen in all IHREN Farben. Von IHREM Platz zwischen ihrem Vater und meinem. Von der Stille und den lieben Wünschen, die uns Trost gespendet haben.

R.I.P. 1942 - 2020

Alles, was bei der Trauerbewältigung hilft, kann nicht falsch sein

Es hat mir einfach gut getan. Und es war mir schnurzpiepegal, ob das nun ethisch korrekt war oder nicht.

Inzwischen weiß ich - alles, was hilft, Trauer zu bewältigen, kann nicht falsch sein. Jedes Urteil eines nicht Betroffenen ist fehl am Platz. Denn: Jeder trauert anders ... Und jeder braucht etwas anderes, um Trauer zu verarbeiten. Um den Verlust zu akzeptieren und schnellstmöglich wieder nach vorne zu sehen. Damit das Leben fröhlich weitergeht. Bald.

Der Weg dahin ist immer (!) sehr persönlich. Und ich brauchte halt diese Bilder.

Ich kann nicht sagen, wie oft ich sie mir angeschaut habe. Oft. Sehr oft. Und vereinzelt habe ich sie sogar für meinen Jahresrückblick 2020 genutzt. Auch dabei habe ich mich gefragt - ist es okay, Bilder zu zeigen, die das Thema Tod und Abschied thematisieren. Und ich habe beschlossen. Ja. Ist es. Weil es (mir) hilft, mit dem Tod, dem Verlust besser klar zu kommen. Die Endlichkeit und den Abschied zu verinnerlichen. Und wieder schneller nach vorne zu sehen. Und wer bitte darf überhaupt bestimmen, was hier falsch und was hier richtig ist? 

Aber ... es ist gefühlt etwas anderes, Bilder im Stillen zu machen oder im Beisein von Trauernden.

"I had to put myself in another place mentally..."

Ich ging zur Kapelle. Mir war "komisch" zumute. Nicht nur, weil ich eine Doppelrolle hatte: Trauergast und Fotografin. Sondern wegen all der Fragen ...

Wie würde es sein, mich selbst von einem Menschen zu verabschieden, der mich zu Anfang unserer Zeit hier in Brandenburg "gerettet" hatte und wie eine Oma für uns war? Würde ich gleichzeitig den hochgradig sensiblen Blick auf das Ganze und die Details halten können? Mich konzentrieren und den Feinsinn für das behalten, was geht und was eben nicht? Und die Distanz, die erforderlich ist, um in so einer Situation überhaupt Bilder machen zu können? Ich konnte nicht wirklich einschätzen, was auf mich zukam. Aber ich hatte es versprochen. Und es schien so wichtig.

Vor 166 Wochen (Januar 2018) habe ich auf Insta dieses Schwarz-Weiß-Bild gesehen. Wenn Du den folgenden Link klickst, verlässt Du meine Webseite und "landest" direkt bei Instagram (siehe Datenschutzerklärung): https://www.instagram.com/p/BeJECvRnztK/?utm_source=ig_web_copy_link Von einer amerikanischen Fotografin. Ich wusste sofort, worum es ging. Ohne Worte. Nur das Foto. Mit einer Frau, die sich von ihrem 20jährigen Hund für immer verabschiedete. Tief berührend. Ich war so beeindruckt - und schrieb die Fotografin an und fragte sie, wie sie es schaffte, in so einer bewegenden Situation Bilder zu machen. Ihre Antwort war:

"I had to put myself in another place mentally..." J. MacNeill

Einfach ist anders.

Urne, Gestecke und stille Momente 

Ich bin keine Psychologin. Und ich wusste auch nicht, was ich wirklich tun muss, damit das gelingt. Aber es gelang. Sehr gut sogar. Und so kamen 130 Bilder von "seiner Frau Antje" zustande. 

Von der Urne und dem gesamten Arrangement (weil es die Bilder sind, die mir von der Beisetzung meiner Mutter fehlen und die neben weiteren so wichtig sind).

Von den Gestecken und stillen Grüßen.

Und von Momenten, die mich rührten ... 

... und die ich fotografisch für zumutbar hielt. 

Was ich daher nicht gemacht habe - Bilder von offensichtlicher Trauer. Eindeutig NEIN.

Denn DAS ... ist für mich nicht okay. Denn DAS ... hätte auch ich damals selbst nicht gewollt.

Und WAS wäre der Nutzen solcher Bilder? 

Respektvolle Bilder sind hilfreich, um schneller wieder fröhlich zu sein

Intuitiv habe ich nur Bilder gemacht, die ich aus eigener Erfahrung hilfreich finde für den Prozess der Trauerbewältigung. Die trösten könnten und vielleicht auch etwas beruhigen, einen Abschied gegeben zu haben, der vor allem im Sinne des/der Verstorbenen ist. 

Ich glaube - je besser Trauer bewältigt ist, desto leichter fällt die Erinnerung an die guten Zeiten. Und wenn Bilder vom dem letzten Weg uns helfen, schneller dorthin zu kommen, um möglichst bald die Bilder anzuschauen, die uns von dem LEBEN des verlorenen Menschen erzählen und uns vielleicht sogar die Tränen vor LACHEN in die Augen treiben (so ist es meiner Schwester und mir tatsächlich ergangen) - dann ist es okay, Urne, Gestecke und leise Momente mit einer Kamera festzuhalten. Mit bestmöglichem Feinsinn und allergrößtem Respekt. 

Nachdem alle Trauergäste gegangen waren, habe ich aus einem anderen Blickwinkel die Stille dieses Ortes aufgenommen. So, wie ich es schon bei meiner Mutter gemacht habe. Es hat auch hier wieder gut getan ... weil auch ich ja ein Trauergast war. Und wieder schaue ich mir die Bilder an und bin sicher, genau so hätte sie es toll gefunden. Bunte Blumen, bunte Kleidung, heitere Anekdoten, die so manchen Lacher produzierten, ihr Lieblingslied von Mary und Gordy (aus der Box) zum Schluss.

Eine Fund-Blüte und Zierde an so mancher Torte. Frau Antje´s Torten waren eine Wucht. "Da ist nix drin", hat sie mir immer gesagt. 300 g Mandeln, 6 Eier, ein bisschen Schokolade. Aber kein Mehl ;-)

Die Letzte schließt das Tor

Ich war die Letzte der Trauergesellschaft, die den Friedhof verlassen hat. Nach rund eineinhalb Stunden. 

Und dieses mein letztes Bild.

Das kleine Häuschen am Tor ...

Das Tor stand offen, und ich ... schnurstracks durch.

Und wusste - JA! DAS war okay.

PS: Ich danke ihrem Herzensmann sehr für sein großes Vertrauen und die Erlaubnis, Bilder des Abschieds seiner Antje hier veröffentlichen zu dürfen. ♥︎ 

4. April 2021

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